Ich liebe die kanadische Arktis: die rauen Landschaften, die Leere, die Tierwelt, die Kultur der Inuit. Dann kam endlich die Gelegenheit zur einer Expeditionsfahrt. Wenn nur das Eis nicht so unberechenbar wäre. Teil 1 meiner Arktiskreuzfahrt

Die Durchsage kommt um 8.42 Uhr: „Wir kommen nicht durch, das Eisfeld ist zu dicht“, sagt Expeditionsleiter Danny Johnston über Bordfunk. Nur wenige Seemeilen trennen uns noch vom Sunshine Fjord, doch vor dem Bug der Akademik Ioffe erstreckt sich dichtes Packeis. Das Forschungsschiff scheint mitten im Nordpolarmeer stillzuliegen. Regen peitscht über das Observation Deck, die Tropfen fühlen sich wie Nadelstiche an.

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Trotz Klimawandel bleibt das Eis unberechenbar.

Auf der Brücke herrscht gespannte Stille: Rechts stehen die Offiziere an ihren Schaltpulten, tauschen kurze Sätze auf Russisch aus: Die Akademik Ioffe fährt unter russischer Flagge und mit russischer Besatzung. Kapitän Vitalii Nedbailov – grauer Bart, brauner Norwegerpulli – scannt den Horizont in der Hoffnung auf eine passende Lücke ab. Auf dem Radar flimmern die Eisschollen wie ein Sternenschauer.

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Passagiere auf der Brücke der Akademik Ioffe vor Baffin Island.

Links stehen wir, rund zwei Dutzend Passagiere, und scannen mit Ferngläsern den Ozean ab. Hin und wieder flüstert jemand sein Entdeckung in die Runde: eine Ringelrobbe mit frisch gefangenem Fisch, ein Schwarm Wildgänse, ein türkisblauer See inmitten einer Eisscholle.

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Die Eischarts zeigen den Dichtegrad des Packeises.

Expeditionsleiter Danny steht indessen über ein „Ice Chart“ gebeugt: die Karte mit den Eisverhältnissen, die täglich auf der Basis von Satellitendaten aktualisiert wird. Blau steht für „kein Eis“, grün für „wenig Eis“ und Rot für „viel Eis“. Doch heute ist sie nicht korrekt.

Kreuzfahrtschiff Akademik Ioffe vor dem Croker Gletscher, Croker Bay, Devon Island, Nunavut, Arktis, Kanada
Danny Johnston.

„Am Ende ist es eben doch nur eine Vorhersage“, seufzt er. „Die Leute reisen ja in die Arktis, um der normalen Welt zu entkommen, wo alles auf Knopfdruck passiert. Und doch ist es schwer, sich von der Erwartung zu verabschieden, dass alles nach einem festgelegten Plan zu einer bestimmten Zeit stattfindet.“ Für den gebürtigen Texaner, der in Alaska lebt, beginnt jetzt die eigentliche Herausforderung: „Es ist einfach zu entscheiden, wohin wir fahren. Der schwierige Part ist es, die Leute dahin zu bringen, dass sie es akzeptieren.“

Doch jetzt dröhnen die beiden 3.500-PS-Maschinen wieder auf, der Kapitän hat eine Entscheidung getroffen. Die Akademik Ioffe nimmt eine gigantische Eisscholle aufs Korn. Ein Riss zieht sich durch die graue Fläche, sie teilt sich und gibt den Weg frei. Vorsichtig steuert der Käpt’n in Richtung offenes Meer. Immer wieder geht ein Ruck durch das Schiff, wenn eine Scholle am Rumpf entlangschrammt. Tag zwei unserer Expeditionskreuzfahrt!

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Mystischer Nebel in der Arktis.

Deutschland ächzt gerade unter tropischen Temperaturen. Doch davon bekommen wir nichts mit, denn die Akademik Ioffe ist von der Außenwelt abgeschnitten: kein Handy-Empfang, kein Fernseher, kein Internet. Zwölf Tage lang geht es bei Außentemperaturen um den Gefrierpunkt an Baffin Island entlang, größte kanadische Insel und fünftgrößte der Welt, benannt nach dem Entdecker William Baffin († 1622). Deutschland würde hier anderthalb Mal Platz finden – auf einer Fläche, in der nur 15.000 Menschen leben.

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In der Schaltzentrale des Maschinenraums.

Knapp 100 Passagiere reisen mit der Akademik Ioffe, dazu kommen rund 60 Besatzungsmitglieder. Ende der 80er-Jahre forschte das Schiff des russischen Ozeanografischen Instituts über die Akustik unter Wasser: Welchen Einfluss haben Parameter wie Salzgehalt oder Wassertemperatur auf die Übertragung von Tönen.

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Die passende Flagge für jedes Land.

„Haha, Forschung“, munkeln dagegen manche meiner Mitreisenden beim Absacker in der Bordbar. „Dabei ging es doch bestimmt um die Suche nach U-Booten!“ „Ich weiß nicht, was wahr ist“, sagt Expeditionsleiter Danny dazu. „Viele Leute haben nur die Stereotypen à la ‚Jagd auf Roter Oktober’ im Hinterkopf. Auf jeden Fall ist es eine schöne Anekdote.“

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Die Akademik Ioffe vor Baffin Island.

Zwischen 2011 und 2019 ging die Akademik Ioffe im Auftrag des kanadischen Veranstalters One Ocean Expeditions auf Kreuzfahrt, ebenso wie das Schwesterschiff Sergey Vavilov – beide sind nach Wissenschaftlern benannt. Doch die Mannschaft auf der Brücke und im Bauch des Schiffes, die Maschinisten, Steuerleute, Reinigungskräfte, Kellner stammen überwiegend aus Kaliningrad.

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Schiffsfotograf Roger gehört zum kanadischen Teil der Crew.

Zwischenstopp in Pangnirtung, dem „Ort des Karibu-Bullen“, einer von acht Inuit-Gemeinden auf Baffin Island. Dunkle Wolken hängen über den schneebedeckten Bergen am Ende des Cumberland Sound, die bunten Häuser der knapp 1.500 Einwohner liegen entlang der Küste verstreut. Sobald der Anker geworfen ist, bringen Schlauchboote uns durch die raue See ans Ufer.

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Landgang in Pangnirtung.

Vier junge Inuit-Frauen in Schwarz spielen das Empfangskomitee – sie sollen uns durch das Dorf führen. Ein paar Männer tragen solange riesige Paketrollen an Land, ein Geschenk des Kreuzfahrtunternehmens: neue Matten für die Ringermannschaft des Ortes. „Wir sind doch Provinzmeister und haben Gold bei den arktischen Winterspielen gewonnen“, erklärt Guide Janet stolz.

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Quads sind die bequemsten Verkehrsmittel im arktischen Sommer.

Während wir dick eingemummelt sind, trägt die 22-Jährige Espadrilles und eine Jeans mit großen Löchern. „Na klar friere ich auch“, lacht sie, „aber es ist doch Sommer – bald haben wir wieder 30 Grad unter null.“ Janet ist kein Profi-Guide, sie arbeitet eigentlich im Gesundheitsamt und wurde heute nur delegiert. „So viel Besuch bekommen wir ja nicht“, meint sie. „Ihr seid erst das zweite Schiff in diesem Jahr.“

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Eine Inuit-Einwohnerin von Pangnirtung.

Umso voller wirkt der Ort, wenn plötzlich 100 Menschen zusätzlich durch die Straßen spazieren. Der Rundgang führt ins Museum, wo Inuit-Leben dokumentiert wird: die Kleidung aus Robben-, Bären-, und Wolfsfellen, die historischen Häuser aus Lehm und Eis, die Waljagd mit Harpune in Robbenhaut-Kajaks. Die Arktis ist seit rund 4.000 Jahren die Heimat der Inuit und ihrer Vorfahren, die sich an die harschen Lebensbedingungen angepasst haben.

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Dunkle Wolken über dem Cumberland Sound.

Dann geht es ins Künstlerzentrum, wo zwei Frauen gerade an der Druckmaschine arbeiten. Viele Einheimische haben sich einen Namen als Künstler gemacht, nicht nur als Schnitzer, Weber und Maler, sondern vor allem mit Lithografien und weiteren Drucktechniken. Zum Beispiel Andrew Qappik, der 1964 in einem traditionellen Camp außerhalb des Dorfes geboren wurde – er entwarf das Eisbärlogo der Regierung von Nunavut.

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Skurrile Wettkämpfe vertreiben die Zeit in den langen Wintermonaten.

Nunavut, „unser Land“ in der Inuit-Sprache, ist Kanadas jüngstes und größtes Territorium. Bis zu seiner Gründung vor 30 Jahren war es ein weiter Weg: Wie alle kanadischen Ureinwohner waren die Inuit Ausbeutung und Zwangsassimilation ausgesetzt – wenn auch nicht im gleichen Ausmaß wie die Völker im Süden. Ihr Lifestyle mit Jagen und Fischen ist heute nach wie vor lebendig, ebenso zahlreiche Traditionen wie die Geschicklichkeitsspiele im Winter und der Kehlkopfgesang.

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Walross in Sicht!

Andächtige Stille herrscht in der kahlen Gemeindehalle von Pangnirtung, als zwei junge Frauen inmitten des Kreises der Passagiere zum Singen ansetzen. Aasiva Nakashup greift ihre Partnerin am Arm, urwüchsige, tiefe Klänge ertönen. Die beiden wiegen sich im Takt, schauen sich in die Augen während des Zwiegesangs – bis sie beide lachend losprusten, als die Anspannung zu groß wird.

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Aasiva Nakashup mit Partnerin beim Kehlkopfgesang.

„Ich habe mit acht Jahren zu Singen angefangen“, erzählt Aasiva im Anschluss. „Die Technik habe ich mir bei anderen in der Gemeinde abgeschaut.“ Die 22-Jährige hat sogar schon eine eigene CD aufgenommen. Doch jetzt schallt Dannys Stimme durch den Saal: „Letztes Schlauchboot in einer halben Stunde!“ Aufbruch! Kaum ist der letzte an Bord, setzt sich die Akademik Ioffe wieder in Bewegung.

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Das Kreuzfahrtschiff vor Baffin Island.

Nach ein paar Tagen haben sich die Passagiere miteinander vertraut gemacht, sich über Heimat und Berufe ausgetauscht, Reiseanekdoten aus aller Welt erzählt. Die meisten stammen aus Kanada und den USA, der Altersdurchschnitt ist hoch. Viele sind vom Reisevirus befallen, lieben die Tierwelt, waren schon in der Antarktis und wollen jetzt den hohen Norden entdecken.

Schlauchboote  mit Passagieren von One Ocean Expeditions vor dem Gletscher von Buchan Bay, Baffin Island, Nunavut, Arktis, Kanada
Faszinierend ist der Gletscher in der Buchan Bay.

Da ist zum Beispiel Jean aus Ottawa, der mit seinem Teleobjektiv mit Tarnüberzug Stunden am Bug ausharrt; Darcy aus Yellowknife, der bei Bären vor allem an Trophäen denkt; Tierschützerin Sue aus San Diego, der man die inneren Kämpfe ansieht, wenn die Inuit über die Waljagd sprechen; und Rus aus Weißrussland, der ein Vermögen an der Wall Street machte und inzwischen ausnahmslos alle Länder der Welt bereist hat.

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Familienausflug in Pond Inlet.

FORTSETZUNG folgt

Infos: Der Anbieter One Ocean Expeditions hat pro Jahr rund sechs verschiedene Kreuzfahrten in die kanadische Arktis im Angebot, alle in Kombination mit Grönland. Das Unternehmen stellt jedem Passagier eine wetterfeste Winterjacke, wasserdichte Hose und Gummistiefel, Drybag sowie ein Fernglas zur Verfügung, sodass man kein Problem mit Gepäckrestriktionen bekommt. Der Kleidungsstil an Bord ist sportlich-leger. Zum Fotografieren empfehlen sich lange Brennweiten für die Tierbegegnungen.

Die Recherche zu diesem Beitrag wurde unterstützt von Destination Canada und One Ocean Expeditions.

Fischerhütte der Inuit in Guys Bight.